Gabi frisst sich durch den Berg
Unglück wegen einer Frau im Berg?
So ein ›Schmarrn‹!
Arno Pucher bedient die grösste Maschine der Welt. Das 440
Meter lange Ungetüm bohrt den Gotthard-Basistunnel bei Amsteg
UR.
Menschen bauen grosse Werke - zum Beispiel eine Maschine, die ist
440 Meter lang, oder einen Bahntunnel der Superlative, 57 Kilometer
lang, der längste der Welt. Mit der genialen Maschine wagen
sie sich ans Herz der Alpen, den Gotthard, und jagen das Monstrum
ins viele Millionen Jahre alte Gestein hinein, in Granit, Gneis,
Schiefer, Serpentin...
Eine heikle Mission. 440 Meter, eine einzige
Maschine. Nichts für Heimwerker! Sie ist so lang wie fast vier
aneinander gereihte grosse Fussballfelder. Ein Heer von Helfern
wird sie bedienen müssen, denkt man. Falsch, es sind zwei:
Arno Pucher, Beruf Fräsfahrer - und ein Computer.
Pucher kommt
aus Österreich, wie 80 Prozent der im Tunnel tätigen Mineure.
Seit drei Jahren arbeitet er in der Schweiz. Er ist in Kärnten
verheiratet. In Amsteg hat er eine Geliebte. Sie heisst Gabi I.
und hat eine Zwillingsschwester namens Gabi II. Die fräst 30
Meter weiter westlich die zweite Röhre in den Berg. Es sind
multifunktionale Geräte: Vorne wird der Gotthard durchbohrt,
in der Mitte automatisch Spritzbeton aufgetragen, hinten der Tunnelboden
betoniert. Dazwischen sind Förderbänder, Werkstätten,
Maschinen, Generatoren, Bauteile, Stollenwagen, Bohrstangen, Armierungseisen...

Der
Mann und das Monster: Arno Pucher ist Herr über eine
5000 PS starke Maschine.
Tagschicht in der Oströhre
Mittags um halb eins, Werkhof AlpTransit Gotthard AG, Amsteg, Baustelle
Gotthard-Basistunnel, Neat. Wir fassen Ohren- und Mundschutz, Helm,
Stiefel, Pellerine und den Selbstretter, ein Sauerstoffgerät,
das bei einem Brand das Überleben ermöglicht, bis man
die sichere Fluchtkammer erreicht hat oder bis Hilfe eintrifft.
Mit der Stollenbahn fahren wir mit Arno und seinen 24 Kumpels zur
Tagschicht in die Oströhre. An den Stollenwänden senkrecht
montierte Leuchtstoffröhren vermitteln den Eindruck von Tageslicht.
Draussen ist schliesslich auch noch eine Welt.
Die Fahrt geht vorbei
am Schrein der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Leute unter
Tag. »Denkt man jeweils daran, dass der Berg Gefahren in sich
birgt?« wird Arno gefragt. »Jaaaa, manchmal schon.«
Er habe aber stets das Glück gehabt, auf guten Baustellen zu
arbeiten. In Deutschland, Spanien, Italien, Griechenland, Österreich
hat er auch schon mit älteren, viel kleineren mechanischen
Maschinen Löcher in Berge getrieben. Ohne besondere Vorkommnisse.
Es rumpelt und pfeift, wenn die Räder über die Schienen
bolzen. Motoren rattern. Pumpen schnaufen. Generatoren surren. Nach
viereinhalb Kilometern sehen wir das technische Wunderwerk genannt
TBM, Tunnelbohrmaschine, und staunen. Fast einen halben Kilometer
weiter sind wir an der Tunnelbrust angelangt. »Hier haben
wir ungefähr 1500 Meter Überdeckung, das heisst über
uns liegt eine Gesteinsschicht von 1500 Meter Dicke«, verrät
die Bauingenieurin und stellvertretende Oberbauleiterin Therese
Scheidegger, Bernerin aus Langenthal, deren Arbeitgeberin die AlpTransit
Gotthard AG ist.
Eine Frau im Berg, das soll doch Unglück bringen,
hiess es früher. »A geh, Blödsinn, so ein Schmarrn«,
sagt Arno trocken. Welch gruseliger Gedanke: Über uns sind
1,5 Kilometer Fels, Granit, eine Menge, die mit rund 3000 Tonnen
pro Quadratmeter auf das Loch drückt, das Gabi I. Meter für
Meter in Richtung Süden gefräst hat. Mineure sind harte
Gesellen, die zupacken können. Sie könnten geradeso gut
Steinmetze oder Zimmerleute sein. Ein Wunder, dass sich diese zweibeinigen
»Maulwürfe« im ganzen Gewirr im Innern des Berges
noch auskennen. Denn im Fels steht gar vieles herum: Abluftröhren,
Drähte, Kabel, Hydraulikschläuche, Filter. Drei Männer
sind hinter dem Bohrkopf dabei, Felsanker und Armierungsnetze anzubringen.
Sie arbeiten effizient und routiniert. Schweiss rinnt ihnen unter
dem Helm hervor. Irgendwie stehen wir immer im Weg herum. Doch zurück
zu Arno Pucher. Er sitzt vergleichsweise komfortabel in seinem Führerstand.
Seine Haare hat er hinten zu einem Zopf zusammengebunden, der unter
einem Kopftuch hervorlugt. Hier im Kabäuschen ist es nicht
so heiss und feucht wie draussen. Wobei draussen in diesem Fall
auch drinnen bedeutet, im Berg.
Arno sitzt an einem Schaltpult voller Knöpfe vor acht Monitoren.
Dort sind alle Daten der Bohrmaschine ersichtlich. Auch ihre Präzisionsarbeit
ist auf den Bildschirmen abzulesen. »Zurzeit beträgt
die Abweichung 10 Millimeter«, sagt der Fräsfahrer. Und
dies bei einem Lochdurchmesser von 9550 Millimeter! »Wenn
wir beim Vertikalstollen Sedrun nach 11300 Metern ankommen, wird
die Abweichung maximal 25 Zentimeter betragen«, sagt Therese
Scheidegger. Im Fachjargon wird dies mit dem Wort »Durchschlagsfehler«
umschrieben. Arno zieht sich die nächste Marlboro rein - fast
alle Männer hier rauchen. Das Telefon läutet. »Guat
laufts, guat«, gibt er zu Protokoll. Nachdem er den Hörer
aufgelegt hat, fragen wir, weshalb im Untertagebau so viele Österreicher
tätig sind. »Weil sie besser sind«, scherzt er.
Nach zwei Wochen heim
Ein Signal ertönt. Nichts Beunruhigendes. Der Fräsfahrer
drückt auf den Knopf »Vorschub Stopp«. Der Bohrkopf
hat sich seit der Schichtaufnahme während einer Stunde und
zehn Minuten um 1531 Millimeter in den Granit gefressen. Jetzt müssen
die Mineure die Wände mit Felsanker sichern und mit Eisen armieren.
Wenn die auf Schienen rollende Maschine sich zwei Meter fortbewegt
hat, muss sie weiter bewegt werden. Dann wird der »Gripper«
vorgezogen, eine riesige Presse, welche die Bohrmaschine beidseits
hydraulisch an den Tunnelwänden verspannt und demBohrkopf ein
effizientes Arbeiten ermöglicht. Hier wird im Dreischichtbetrieb
gearbeitet. Jede Schicht dauert 10 Stunden. Nach jeder zweiten Vortriebsschicht
erfolgt eine Unterhaltsschicht, wird revidiert. Arno und die Mineure
leisten sieben Tage Nachtschicht, haben dann einen Tag frei. Anschliessend
folgt eine siebentägige Tagschicht. Dann haben sie sechs Tage
frei. Am 21.Juli wird Arnos Tagschicht beendet sein. Dann fährt
er rüber nach Kärnten, zu seiner Frau: sieben Stunden,
600 Kilometer.
Stiefel stecken im Morast. Staub hängt in der Röhre.
Wir schwitzen, obwohl die Baustelle gekühlt wird. »So
viele Maschinen entwickeln eine enorme Wärme«, klärt
uns Therese Scheidegger auf.
Nach fünf Stunden in der Düsterheit des Gotthards bringt
uns das rumpelnde Stollenbähnli wieder ans Tageslicht. Es blendet
uns. Mit zusammengekniffenen Augen geniessen wir die Wärme
der Sonne. Es ist wie eine Erlösung, denn offensichtlich ist
so eine Untertagschicht nicht unser Ding. Wir freuen uns auf eine
Dusche. Arno wohl auch. Voraussichtlich Mitte 2007 wird er mit seiner
Maschine das Loch von Amsteg bis zum Schacht Sedrun gefräst
haben. Dann wird der AlpTransit-Abschnitt Amsteg, Baulos 252, zu
einem Teil abgeschlossen sein. Und dann werden wichtige Leute weniger
wichtige Reden halten und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen.
Für Arno und seine Kollegen wirds wahrscheinlich Freibier geben.
Text: Carl Bieler, Fotos: Tobis Madörin
Zahlen und Fakten
Die längsten Eisenbahntunnel der Welt:
Über 420 Kilometer oder fast sechs Prozent verlaufen die Bahnen
der Schweiz unterirdisch - in 750 Tunnels. Dies entspricht einem
Tunnel, der von Genf bis nach Innsbruck reichen würde. Der
Gotthard-Basistunnel der Alptransit wird mit 57 Kilometer Länge
um rund 37 km länger sein als der bisher längste (Simplon:
19,823 Kilometer). Der alte Gotthard-Eisenbahntunnel misst 15,003
Kilometer.
Gotthard-Basistunnel - in zehn Jahren fertig:
Von den insgesamt über 150 Kilometer Schächte und Stollen
des Gotthard-Basistunnels ist bisher rund ein Drittel ausgebrochen.
Zum Vergleich: Beim 34,6 Kilometer langen Lötschberg-Basistunnel
sind es bereits 95 Prozent. »Wir liegen im Fahrplan«,
sagte Max Friedli, Direktor des Bundesamtes für Verkehr, kürzlich
an einer AlpTransit-Fachtagung in Interlaken.
Bis der Gotthard-Basistunnel
in Betrieb genommen wird, werden noch zehn Jahre vergehen. Er wird über 57 Kilometer von Erstfeld UR nach Bodio TI führen
und danach der längste Bahntunnel der Welt sein. Bisher sind
780000Tonnen Ausbruchmaterial zu Tage gefördert worden. Damit
werden im Urnersee Naturschutz- und Badeinseln aufgeschüttet.
In diesem Monat beginnt im Gotthard-Basistunnel eine heikle Phase.
Die Mineure machen sich an das unberechenbare, instabile Tavetscher
Zwischenmassiv. Vor dieser geologischen Knacknuss warnen kritische
Geologen seit Jahren. Im heiklen, zuckerförmigen Gestein
werden die Mineure voraussichtlich nur noch einen Meter pro Tag
vorankommen. Zurzeit schaffen sie noch sechs bis sieben Meter.
Der Berg wird nicht nur von Norden und Süden her angebohrt,
sondern von weiteren drei Seiten her.
Im Untertagebau ist heute
technisch fast alles machbar, sofern genügend finanzielle
Mittel vorhanden sind.Ursprünglich
war für den Gotthard-Basistunnel ein Kredit von 6,54 Milliarden
Franken gesprochen worden. Bisher sind bereits Mehrkosten von
1,04 Milliarden Franken angefallen. Im Juni hat der Nationalrat
zusätzliche
900 Millionen Franken bewilligt. www.neat.ch
Wundermaschine:
| Bezeichnung |
Tunnelbohrmaschine (TBM) |
| Länge |
440 Meter |
| Leistung |
5000 PS |
| Antriebsmotoren |
10 |
| Rollenmeissel |
62 |
| Hersteller |
Herrenknecht AG, Schwanau (Deutschland) für hinteren
Teil, den Nachläufer: Rowa Tunneling Logistics AG, Wangen
SZ |
| Stromverbrauch |
maximal 63000 Kilowattstunden am Tag. So viel wie rund 4200
Einfamilienhäuser! |
| Stromkosten |
10000 Franken - im Tag |
|