Nicht nur Technik - Nach welchen Kriterien wählt ein Transportbeton-Hersteller
seine Zuschläge aus?
Volker Hanke, Osnabrück
Zuschläge - oder nach neuer Norm Gesteinskörnungen
- sind aus volumetrischer Sicht der Hauptbestandteil von Transportbeton.
Die Beschaffung und Anlieferung der Ausgangsstoffe stellt eine
logistische Herausforderung dar, die Grundlage der Betonproduktion
ist.
Grundsätzlich lassen sich mit allen Zuschlägen nach
DIN 4226 gute und dauerhafte Betone herstellen. Die verfügbaren
Rohstoffe haben einen erheblichen Einfluss auf die Eigenschaften
der damit hergestellten Baustoffe.
Die Zusammenhänge zwischen der Logistik und den erzielbaren
Eigenschaften der Betonprodukte werden im vorliegenden Beitrag
ebenso behandelt, wie die Beurteilung der Leistungsfähigkeit
von Zuschlägen.
Logistik
Aus den Daten des statistischen Bundesamtes bzw. der Erhebung
des Bundesverbandes der Deutschen Transportbetonindustrie ergibt
sich eine mittlere Produktionsmenge von 25 000 m3 Beton
je Transportbeton-Werk (TB-Werk) in Deutschland. Zur Herstellung
dieser Menge werden etwa 47 000 t Zuschläge, 6 500 t Zement
und 4 500 m3 Wasser unter Vernachlässigung von
Zusatzstoffen und Zusatzmitteln benötigt.
Die tägliche Spitzenleistung kann mit ca. 500 m3 Transportbeton
abgeschätzt werden, wobei in Ballungsgebieten teilweise deutlich
höhere Mengen erreicht werden können. Zur Sicherstellung
des Materialbedarfs in Spitzenzeiten werden bei rund 25 t pro LKW
40 Lieferungen Zuschlag und 6 Lieferungen Zement benötigt.
Die Auslieferung einer derartigen Betonmenge erfolgt mit ca. 63
Touren von Fahrmischern unter der Voraussetzung, dass ausschließlich
Betonfahrzeuge mit 8 m3 Beton ausgeliefert werden. Hieraus
ergeben sich insgesamt mehr als 10 LKW-Bewegungen je Stunde.
Bei der Materialanlieferung stehen die Zuschlaglieferungen im Vordergrund.
Um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen, sind die Standorte
von TB-Werken und Gewinnungsstätten von Sand und Kies aufeinander
abzustimmen. Zu beachten sind insbesondere verkehrstechnische Randbedingungen
wie Autobahnen, Ortsdurchfahrten und Eisenbahnübergänge.
In jüngster Zeit gewinnen zusätzlich Fragen des Umweltschutzes,
zB durch Lärmbelästigungen, an Bedeutung. Nicht immer
kann dabei die gewünschte Qualität der Zuschlagstoffe
bezogen werden. Wenn an Zuschläge höhere Anforderungen
gestellt werden als nötig, so wird damit auch die Verfügbarkeit
eingeschränkt und es können logistische Probleme entstehen.
Grundsätzlich kann mit Hilfe des heutigen Standes der Betontechnologie
fast jeder in Deutschland gewonnene Zuschlag auch verwendet werden.
Ein unnötiger Ausschluss regional anstehender Gesteinskörnungen
durch überzogene Anforderungen ist deshalb weder im Sinne der
Transportbetonindustrie noch der Kies- und Sandindustrie.
Eigenschaften
Im Jahr 2000 wurden 57,9 Mio. m3 Beton ausgeliefert.
Haupteigenschaften dieses Massenbaustoffes sind die Festigkeit
und Konsistenz (Verarbeitbarkeit). In der Fachöffentlichkeit
werden aber zunehmend auch Dauerhaftigkeitsaspekte erörtert,
was sich in der neuen Normengeneration DIN 1045 bzw. DIN EN 206
für den Betonbau wiederspiegelt.
| |
1998 |
1999 |
2000 |
| Mengen in Mio. m3 |
| |
60,9 |
62,3 |
57,9 |
| Festigkeitsklassen - Anteile in % |
| <=B15 |
16,3 |
17,1 |
16,5 |
| B25 |
63,4 |
62,4 |
63,4 |
| >=B35 |
20,3 |
20,5 |
20,1 |
| Konsistenzklassen - Anteile in % |
| KS |
11,9 |
11,4 |
12,0 |
| KP |
14,4 |
13,5 |
13,2 |
| KR |
69,2 |
70,5 |
70,4 |
| KF |
4,5 |
4,6 |
4,4 |
| |
|
|
|
Tabelle 1: Transportbetonzahlen
In Deutschland wird trotz der umfangreichen Forschungsaktivitäten
im Bereich hochwertiger Betone nach wie vor überwiegend Beton
der Festigkeitsklasse B25 im Konsistenzbereich KR (Regelkonsistenz
- weich) eingesetzt.
Zur Einstellung der geforderten Eigenschaften wird die Zusammensetzung über
den Betonentwurf festgelegt. Tabelle 2 zeigt exemplarisch die Vorgehensweise:
| Betondruckfestigkeit |
| Festigkeitsklasse |
B25 |
|
|
notwendiger Wasserzementwert
w = w/z = 0,68 |
| Zielfestigkeit |
35 N/mm2 |
| Zementfestigkeit |
50 N/mm2 |
| Konsistenz (Verarbeitbarkeit) |
| Konsistenzklasse |
KR |
|
|
notwendiger Wassergehalt
w = 175 l/m3 |
| Körnungsziffer des Zuschlags |
4,50 |
| Stoffraumrechnung |
| Zementgehalt |
z = w / w = 175 / 0,68
= 257 kg/m3
(gewählt 260 kg/m3) |
Zuschlaggehalt |
1000 l = LP + z/rz
+ w + g/rg
=> g = rg (1000 - LP - w - z/rz)
= 1000 - 15 - 175 - 260/3,0 = 1880 kg/m3
|
| darin bedeuten |
|
|
LP= Luftporengehalt
rz = Rohdichte des Zements
rg = Rohdichte des Zuschlags |
| |
|
|
|
|
Tabelle 2: Betonentwurf
Nach bestandener Eignungsprüfung (zukünftig Erstprüfungen)
wird aus der Betonzusammensetzung für die geplante Betonmenge
(Chargengröße) eine Mischanweisung erstellt. Diese Aufgabe
wird üblicherweise durch die Computersteuerung der Anlage erfüllt.
Während der Produktion erfolgt die Einstellung der gewünschten
Konsistenz unter Beachtung der zulässigen Wiegetoleranzen mit
den vorhandenen Ausgangsstoffen. Die Überprüfung während
der Herstellung erfolgt mittels der Leistungsaufnahme des Mischers
(Konsistenzmessung), der Augenscheinprüfung durch Videokameras
und ggf. Konsistenzprüfungen am Frischbeton. Änderungen
können in der Anlage nur durch zusätzliche Zugaben von
Zusatzmitteln oder die Korrektur des Zugabewassers erfolgen. Zudem
werden die Aussteuerungsmöglichkeiten durch die normativen
Randbedingungen eingeschränkt. Daher ist die möglichst
exakte Berücksichtigung der tatsächlichen Ausgangsstoffeigenschaften
bereits mit dem Betonentwurf von entscheidender Bedeutung.
Für die üblichen Betoneigenschaften - Konsistenz und
Festigkeit - ist die präzise Festlegung der Kornverteilung
der Zuschläge wichtig. Diesem Umstand wird bei der Festlegung
und Bezeichnung der Gesteinskörnungen gemäß neuer
Norm DIN 4226 durch den hohen Stellenwert der Kornzusammensetzung
Rechnung getragen. Über die Regelanforderungen an Zuschläge
bzw. Gesteinskörnungen hinaus sind zusätzliche Anforderungen
nur für spezielle Verwendungszwecke des Betons notwendig. Gemäß
den neuen Normen für Gesteinskörnungen - DIN 4226 - und
Beton - DIN 1045 bzw. DIN EN 206 - werden für Bauteile, die
den Expositionsklassen XF (Frost) ausgesetzt sind, erhöhte
Anforderungen gestellt. Hierbei werden für Frost ohne Taumittel
Kategorien für Gesteinskörnungen der Gruppe F bzw. für
Frost mit Taumittel der Kategorien MS gefordert. Für Sichtflächen
sind Anforderungen der Kategorie Q gemeinsam festzulegen.
Leistungsfähigkeit
Aus Sicht der Transportbetonindustrie ist die neue DIN 4226 sehr
gut geeignet, um den regionalen Unterschieden, die Gesteinskörnungen
naturgemäß aufweisen, Rechnung zu tragen. Für die
meisten Eigenschaften wurden unterschiedliche Kategorien festgelegt.
Daraus ergeben sich für Hersteller und Abnehmer von Gesteinskörnungen
neue "Freiheitsgrade". Im Hinblick auf die Betontechnologie lässt
sich mit praktisch allen Kategorien qualitativ hochwertiger Beton
herstellen. Entscheidend ist aber die Wirt-schaftlichkeit. Dass
eine Gesteinskörnung einer besonders hochwertigen Kategorie
zugeordnet werden kann, weil bei der Kiesaufbereitung ein besonders
hoher Aufwand betrieben wurde, ist allein noch kein Kriterium. Erst
wenn der Transportbetonhersteller damit eine höhere Wirtschaftlichkeit
erzielen kann, ergibt sich der Vorteil. Andersherum kann es auch
wirtschaftlich sein, Gesteinskörnungen zu verwenden, die weniger
als die Regelanforderungen erfüllen. Entscheidend ist, dass
mit der größtmöglichen Wirtschaftlichkeit ein anforderungsgerechter
Beton hergestellt wird. Das neue Normenpaket für Gesteinskörnungen
und für Beton enthält in dieser Hinsicht viele neue Möglichkeiten,
die den Erfindungsreichtum von Unternehmern und Betontechnologen
herausfordern werden. Beispiele sind die nunmehr mögliche Verwendung
von Korngemischen (zB 4/32), die Zulässigkeit eines höheren
Gehaltes an Feinanteilen kleiner 0,063 mm, die neue Korngröße
22,4 mm oder die völlige Freiheit bei der Festlegung der Sandsieblinie.
Die Leistungsfähigkeit der Ausgangsstoffe zeigt sich allerdings
nicht im Betonentwurf, sondern in der täglichen Praxis während
der Betonherstellung. So kann sich der Einsatz von Zuschlägen
mit guten Prüfzeugnissen im Betrieb bedingt durch hohe Schwankungsbreiten
als unwirtschaftlich oder gar unmöglich erweisen.
Bild 1 zeigt die zeitliche Veränderung der Kornzusammensetzung
einer Korngruppe im Verlauf von 10 Monaten.
Bild 1: zeitlicher Verlauf der Kornzusammensetzung einer Korngruppe
bei unterschiedlichen Siebweiten
Aus den Durchgangswerten kann die Körnungsziffer als Summe
der Rückstände geteilt durch 100 ermittelt werden. Der
zusätzliche Wasserbedarf ergibt sich aus der Abschätzung,
dass eine Differenz von 0,1 in der Körnungsziffer zu einem
zusätzlichen Wasserbedarf von 2 l/m³ führt. Die richtige
Beurteilung des tatsächlichen Wasserbedarfs von Zuschlägen
sowie die Wahl des richtigen Vorhaltemaßes beim Betonentwurf
ist eine der entscheidenden Grundlagen der Betontechnologie.
Bild 2: zeitliche Veränderung der Körnungsziffer (blau)
und zusätzlicher Wasserbedarf (rot)
Den in Bild 2 gezeigten Auswirkungen durch die Schwankungen des
Zuschlags kann auf 2 Wegen - unabhängig von der Wahl des Vorhaltemaßes
- begegnet werden:
- Wird der erhöhte Wasserbedarf durch eine zusätzliche
Wasserzugabe zur Einstellung der Konsistenz erfüllt, dann
sind Minderfestigkeiten des Betons zwangsläufig die Folge.
Durch die Erhöhung des Wassergehalts um 18 l/m3 ergibt
sich eine Erhöhung des Wasserzementwertes und damit verbunden
eine Festigkeitseinbuße von 8 N/mm2. Diese Vorgehensweise
führt zu einer deutlichen Erhöhung des unternehmerischen
Risikos.
- Durch die Berücksichtigung des zusätzlichen Wasseranspruchs
im Betonentwurf nach Tabelle 2 werden die Stoffkosten im genannten
Fall um 1,30 €/m3 erhöht. Ursache dafür
ist die erforderliche Erhöhung der Zementmenge (wie im Beispiel)
oder ggf. die Zugabe von Zusatzmitteln. Ein Zuschlag, der die
Anforderungen im Hinblick auf die gewünschten Betoneigenschaften
mit der nach Tabelle 2 entworfenen Betonzusammensetzung erbringt,
kann demnach einen um 0,72 €/t höheren Preis erzielen.
Fazit
Zuschläge bzw. Gesteinskörnungen in ausreichender Menge
sind für die Betonproduktion unerlässlich und der Betrieb
eines TB-Werkes erfordert eine funktionierende Logistik für
die Anlieferung.
Die Eigenschaften der Zuschläge bestimmen die Betonqualität
in hohem Maße. Im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit
von Zuschlägen ist die Gleichmäßigkeit der Kornzusammensetzung
und die Höhe des Wasserbedarfs von entscheidender wirtschaftlicher
und technologischer Bedeutung.
Auf die weitergehenden Eigenschaften von Zuschlägen bzw. Gesteinskörnungen
kann sich ein Transportbetonhersteller einstellen, wenn diese bekannt
sind und ebenfalls mit möglichst hoher Gleichmäßigkeit
eingehalten werden. Durch die zeitnahe Bereitstellung aller notwendigen
Produktinformationen kann die in der Baubranche geforderte Lieferung
"just in time" mit einer gleichmäßigen Betonqualität sichergestellt
werden.
|