«Man darf Kunden nicht überfordern»
Früher galt das Familienunternehmen Dorner Electronic als Pionier für elektronische Rechner in Steuerungsanlagen. Jetzt hat Eigentümer Andreas Dorner dem Hersteller von Hard- und Software einen sanften Expansionskurs verschrieben.
Mit Andreas Dorner sprach Günther Bitschnau
Herr Dorner, einer der ersten Aufträge war in den 60er-Jahren eine Rohrpostanlage für ein Moskauer Krankenhaus. Wie kommt man als Bregenzerwälder Kleinstunternehmen zu solchen
Aufträgen?
Andreas Dorner: Mein Vater war zuvor bei den Jenbacher Werken tätig und hatte dort Kontakt mit einem Hersteller von Rohrpostanlagen. Daraus entstand später eine Geschäftsverbindung. Die damalige Firma Dorner Sondergeräte hat die Steuerungstechnik für Weichen und die Überwachung der Anlage geliefert.
Also die Sowjetunion im tiefsten Kommunismus quasi als erster Kunde?
Ja und Nein, denn das erste Projekt in dieser Richtung war die Steuerungsanlage für ein Stahlwerk im Ural. Dazu kam später eine Rohrpostanlage für die ehemalige sowjetische Nachrichtenagentur TASS. Daran erkennt man, dass die Firma ihr Kerngeschäft damals noch nicht entdeckt hatte. Das Unternehmen war auf den Sondergerätebau spezialisiert – und das kann breit ausgelegt werden.
Vater und Onkel gelten als Pioniere bei der Entwicklung von elektronischen Rechnern für Steuerungsanlagen. Was haben sie gemacht?
Intel hat 1971 den ersten Rechnerchip gefertigt. Ein Jahr später hatte mein Vater die Idee, dass man damit einen Rechner entwickeln könnte, der mit einer Programmiersprache versehen erstmals verschiedene Aufgaben lösen konnte. Bei einem Münchner Unternehmen kam der Rechner Mitte der 70er-Jahre zum Einsatz. In den kommenden zehn bis 15 Jahren war dieses Produkt das Alleinstellungsmerkmal unserer Firma, denn vor Ende der 80er-Jahre waren Computer für Steuerungsaufgaben nicht weit verbreitet.
Liegen die Wurzeln von modernen Rechnersystemen für Steuerungsanlagen also in Egg?
Das ist international gesehen vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Denn Dorner war einfach zu wenig bekannt, als dass uns da jemand etwas abgeschaut hätte. Da gab es eine eigenständige Entwicklung, die aber wie gesagt erst 10 bis 15 Jahre nach unserem ersten Rechner begann.
Ihr Exportanteil beträgt 85 Prozent. Warum hat ein Hersteller von Hard- und Softwarelösungen für die internationale Baustoffindustrie seinen Sitz inmitten der Bregenzerwälder Idylle?
Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Mein Grossvater hatte in Egg ein Radiogeschäft, und auch mein Vater und mein Onkel sind im Bregenzerwald aufgewachsen. Hier liegen unsere Wurzeln. 1977 sind wir dann an unseren jetzigen Standort gezogen.
Welche Vor- und Nachteile hat ein Firmensitz ausserhalb der wirtschaftlichen Zentren?
Es gibt eindeutig fast nur Vorteile. Da wir kein materialintensives Geschäft mit hohem Transportvolumen haben, spielen Entfernungen keine so grosse Rolle. Die Anbindung an die Kommunikationsnetze ist im Bregenzerwald mittlerweile gleich gut wie in Ballungsräumen. Und wir schätzen die Umgebung, in der wir arbeiten. Denn es ist gleichzeitig ein Naherholungsraum. Diesen Faktor sollte man nicht unterschätzen.
Sie haben noch einen Standort in der Schweiz.
Ja. Seit 2000 betreiben wir dort mit einem lokalen Partner die Firma Dorner ASP. Dieses mittlerweile nach Heerbrugg umgezogene Unternehmen hat sich auf Baustofflabor-Anwendungen auf ASP-Basis (Application Service Providing) spezialisiert. Die vier Mitarbeiter stammen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Wir möchten Dorner ASP gerne zu einem attraktiven Entwicklungsstützpunkt in seinem Segment ausbauen.
Das ist leichter gesagt als getan. Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel.
Dieser Mangel betrifft uns bisher nicht wirklich. Wir haben in den vergangenen Jahren viel Zeit, Geld und Engagement in die Bekanntheit des Unternehmens investiert. So bekommt man eigentlich immer wieder gute Leute. Unsere Belegschaft stammt zu zwei Dritteln aus dem Bregenzerwald, ein Drittel entfällt auf das Rheintal. Derzeit beschäftigen wir in Egg fast 100 Mitarbeiter, in ein paar Jahren sollten es 120 sein.
Sind Ihre Mitarbeiter Software-Junkies?
Nein. Ich möchte, dass unsere Mitarbeiter zuerst einen Kopf für die Probleme unserer Kunden haben. Da ist es nur hinderlich, wenn man ausschliesslich in Software-Kriterien denkt. Die Software dient dann zur Lösung der Probleme.
Wie kommt es, dass ausgerechnet die Baustoffindustrie zum wichtigsten
Kunden wurde?
Der Grund dafür liegt in der Errichtung der Donau-Staustufen in Oberösterreich in den 70er-Jahren. Damals wurde der Kontakt zur Branche hergestellt. Mit der Zeit sind wir dann mit unseren Steuerungsanlagen immer häufiger auch bei der Errichtung von Betonstaudämmen im Gebirge beauftragt worden.
Man erzählt sich verwegene Geschichten über den Service von Dorner
Electronic.
Das betrifft die Gebirgsbaustellen, die in der damaligen Zeit nicht einfach zu erreichen waren. Mein Vater hatte den Pilotenschein und hat im Bedarfsfall Ersatzteile aus dem Flugzeug über der Baustelle abgeworfen. Solche Geschichten haben sich in der Branche über die Jahre hinweg zu einem Synonym für Zuverlässigkeit und Service von Dorner Electronic entwickelt.
Ihr Hauptmarkt ist Deutschland, die osteuropäischen Länder nehmen an Bedeutung zu. Wird Dorner Electronic auch in Zukunft nur von hier aus tätig sein?
Seit Mitte der 90er-Jahre hat Deutschland unser Kerngeschäft betreffend den Rückwärtsgang eingelegt, auch wenn es jetzt wieder etwas angezogen hat. Wir haben damals mit dem Aufbau des Marktes in der Schweiz begonnen, wo wir mittlerweile Marktführer sind. Das machen wir alles von Egg aus. In Ländern wie Grossbritannien, den Benelux-Staaten oder in Skandinavien sind wir mit selbstständigen Partnern vor Ort tätig. Wenn die Internationalisierung so weitergeht, dann braucht es zusätzliche Standorte – etwa in Südosteuropa.
Wo liegen die Zukunftsmärkte?
Wir schauen uns mehrere Länder und Regionen weltweit an und prüfen, ob unsere Produkte für die jeweiligen Märkte geeignet sind. Auch die USA und Asien etwa sind noch weisse Flecken. Dabei heisst es aber aufpassen: Man muss genau wissen, was ein Markt will und darf seine Kunden nicht überfordern. Denn in Skandinavien zum Beispiel sind Menschen sehr offen gegenüber komplexen IT-Lösungen, während der Mitbewerb in Australien einfache Lösungen anbietet und damit seine Kunden auch zufriedenstellt.
Ihr Unternehmen hat als Steuerungsbauer begonnen und bietet jetzt ganze Systeme an. Warum dieser Schritt?
Steuerungen stehen niemals für sich alleine da. Da gibt es stets Abläufe, die damit zusammenhängen. Gemeinsam mit den Kunden haben wir immer mehr solcher Abläufe in unser Softwaresystem integriert: So zum Beispiel die Labordaten für die Mischanlage, die Rezepturen für die verschiedenen Betongemische und schliesslich die Abrechnung via Lieferschein.
Ihre Steuerungsanlagen sind weltweit im Einsatz. Wie kopieranfällig sind die Produkte?
Fast überhaupt nicht. Denn die Anwendungen sind immer sehr individuell ausgelegt. Das sind fast ausschliesslich Speziallösungen, die man nicht einfach 15 weiteren Kunden eins-zu-eins verkaufen kann.
Die Entwicklung von Hard- und Softwareprodukten ist personal- und kostenintensiv. Bereiten Ihnen Billiganbieter Sorgen?
Es gibt natürlich in manchen Bereichen immer auch einen günstigeren Anbieter, der eine andere Strategie fährt. Die Märkte sind unterschiedlich: In Deutschland ist der Preisdruck enorm, in der Schweiz spielt er keine so grosse Rolle. Aber wir schaffen es, für unsere Produkte einen angemessenen Preis zu erzielen.
Sind Ihre Mitbewerber auch Familienbetriebe, oder handelt es sich um
Konzerne?
Meistens sind es Familienbetriebe mit einer ähnlichen Geschichte. Es gibt in unserer Branche nur einen grossen Konzern in den USA.
Wollten Sie schon immer in das Unternehmen Ihres Vaters und Onkels
eintreten?
Das hat sich erst im Studium so richtig entwickelt. In dieser Zeit fiel die definitive Entscheidung.
Waren Sie zuvor auch in anderen Firmen tätig?
Nein. Dieses Hinausgehen in die Welt hat bei mir nicht stattgefunden. Ich würde das rückblickend jedoch im nächsten Leben tun. Aber wenn man die Entwicklung von Dorner Electronic ansieht, dann ist dieses Sammeln von Erfahrungen in anderen Firmen offenbar nicht immer erfolgsentscheidend.
Gab es in Ihrem Leben ein Schlüsselerlebnis, das Ihnen sagte: Ja, diesen Job möchte ich ein Leben lang machen.
Das hat sich eher langsam entwickelt. Es entstand auch aus einem Respekt gegenüber dem, was mein Vater und sein Bruder geschaffen haben. Das wollte ich gerne weiterführen.
Wie wurde die Nachfolge geregelt?
Das ist vorbildlich abgelaufen. Vater und Onkel haben sich schon lange zuvor Gedanken darüber gemacht, wer den Betrieb einmal übernehmen soll. Das haben sie dann auch so kommuniziert. Eine langfristige Vorbereitung ist sehr wichtig – auch was die Eigentümerschaft betrifft.
Juniorchefs haben einen schweren Stand, weil sie nicht das Ansehen der Firmengründer geniessen. Wie haben Sie Ihre Position gefunden?
Bevor ich Geschäftsführer wurde, habe ich das Unternehmen im Detail kennengelernt und bei der internen Umstrukturierung mitgearbeitet. Dadurch fand ich mit dem Produktmanagement auch meinen Bereich, den ich persönlich bis heute geprägt habe. Denn die entscheidende Frage muss immer lauten: Was nutzt dem Kunden unser Produkt? Ich möchte keine Firma mit Technikern im Elfenbeinturm. Wir müssen die Prozesse unserer Kunden kennen – das steht so im Leitbild unserer Firma.
Sie sind Alleineigentümer. Was passiert, wenn Sie ab morgen aus irgendeinem Grund nicht mehr den Geschäften nachgehen können?
Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Es gibt dafür nur eine Vorgabe: Es muss eine Lösung im Interesse der Familie geben. Ein guter Freund wird sich in dem Fall der Sache annehmen und mit der Familie und dem führenden Management die möglichen Lösungen durchgehen. Das kann von einem Management Buyout bis hin zu einem vollständigen Unternehmensverkauf alles umfassen.
Unternehmer haben oft volle Terminkalender. Gibt es für den Andreas Dorner ein Leben neben dem Beruf?
Sehr wohl. Denn das ist für die Balance sehr wichtig. Ich spiele zum Beispiel gerne Musikinstrumente. Dazu kommen fremde Sprachen und Kulturen. Da kann ich dann im Urlaub auch die Brücke zum Geschäft schlagen – indem ich mir etwa ansehe, wie man in meinem Urlaubsland Beton mischt.
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